Bevor er morgen in den Katakomben des Internet verschwunden ist, leg ich ihn mal hier ab. Gelesen bei www.dnn-online.de
Mit dem alten Herz in der Hand
Chris Flippin hat ein Problem. Er ist über zwei Meter groß, spielt Gitarre bei Lagwagon aus Kalifornien und soll an diesem Abend im kleinen Thrillbeats Club in Dresden auftreten, wo er sich beim allerkleinsten Hopser auf der Bühne den Kopf einhauen würde. Einen flippin’ Chris wird man also nicht sehen, trotzdem sieht ihn jeder und die Mädchen möchten den Riesen, der mit seinen langen Haaren und dem nach hinten gedrehten Basecap wie ein überdimensionierter Fünfzehnjähriger wirkt, sicher alle knuddeln. Sollten sie in diesem völlig überfüllten Kellerclub mit gefühlten 50 Grad und Luft wie Schwitzpudding besser lassen. Erst recht, nachdem Sänger Joey Cape dem gesamten Saal das Ausziehen empfohlen hat.
Man umarmt sie trotzdem - in Gedanken. Dieser immer etwas glatt produzierte Pop-Punk von der amerikanischen Westküste mag nicht jedermanns Geschmack sein. Erst recht nicht, nachdem ganze Armeen von Industrie-Epigonen das Genre zum Ende der 90er beinahe tot gespielt hatten, aber das hier - dieser pubertäre Enthusiasmus, diese bedingungslosen drei Akkorde sind keine zur Schau getragene Skater-Philosophie oder plumpe Plakatierung für den Verkauf, sondern ein Lebensgefühl. Man merkt vom ersten Takt an, dass Lagwagon irgendwie von Anfang an dabei waren, seit dem Debüt “Duh” von 1992 alle acht Alben dem unabhängigen Fat-Wreck-Label des NoFX-Sängers Fat Mike treu geblieben sind, sich selbst erst recht. Es ist nicht nur diese Authentizität, die den Abend so gut macht, selbst Skeptiker werden einräumen müssen, dass diese ausgebrannte Sparte unter den flinken Fingern von Lagwagon durchaus für einen zweistündigen Frühling gut ist. Wie ein typischer Melodycore-Song wie “Making friends” so die Luft des Raumes in sich aufsaugen kann, zwischen hymnisch gebremst geklöppelt und göttlich beherzt geknüppelt. Aber da sitzt ja nicht umsonst Dave Raun hinter der Schießbude, der ebenso für die phantastischen und immer wieder witzigen Me First And The Gimme Gimmies trommelt.
Das unterscheidet Lagwagon aber auch von vielen Kollegen - die immer etwas ernsteren Lyrics bergen weit mehr Identifikationsmaterial als etwa Draufhauer wie NoFX. “Automatic” vom letzten Album “Resolve” (2005), das auch als Reaktion auf den Selbstmord des schon Mitte der 90er ausgestiegenen Drummers Derrick Plourde verstanden werden will, wird vom Saal beherzt mitgerockt: “Get up, smile, find a need, wash your hair, bleach your teeth / Develop habit / Automatic”. Großartige Liveband.
Norbert Seidel
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